Bereits am 14.03. ging auf Netflix das Sci-Fi-Abenteuer »The Electric State« an den Start. Unser Tim hat sich den Film angeschaut und schildert hier seinen Eindruck:
Es ist manchmal echt erstaunlich wie filmische Riesenprojekte an einem vorbeirauschen können, obwohl man tief in der Materie ist und tagtäglich nach neuen Trailern Ausschau hält, sich mit den neuesten Collectibles zu den aktuellsten Blockbustern befasst, sich fast seine komplette Freizeit mit Serien und Filmen beschäftigt und sich auch alle paar Wochen mal im Kino befindet. So erging es mir und der kompletten S.P.A.C.E Crew mit »The Electric State«. Ich hatte vor ein paar Jahren mal irgendwo aufgeschnappt, dass das Buch von Simon Stålenhag verfilmt werden sollte und ich weiß noch, dass ich dachte „Oh, cool!“ aber irgendwie habe ich das wieder komplett aus den Augen verloren – bis vor ein paar Monaten, als ich den Trailer ein einziges Mal als Werbung vor einem anderen Trailer gesehen, irgendwie aber auch gleich wieder vergessen habe, und dann vorletzten Freitag, als der Film aus dem Nichts auf meiner Netflix-Hauptseite auftauchte. Dazu aber gleich mehr.
Simon Stålenhags gleichnamiger Bilderroman ist eines dieser prägenden Kunstwerke einer Ära, in diesem Fall die Ära Photoshop. Seine gespenstischen 1990er-inspirierten retrofuturistisch-dystopischen Bilder sind der Inbegriff der digitalen Malerei und stark von Game Concept Art, der digitalen Revolution und Umweltkatastrophen geprägt. Auch erinnern sie an Lovecraft, wären die Monster des Gothic-Autors Roboter statt biologischer Natur. Die Bilder kommen uns seltsam vertraut vor, sei es weil die Maschinen an Mechatroniken unserer Kindheit erinnern, oder die riesigen Metallungeheuer über einer stinknormalen nächtlichen Tankstelle thronen … und genau das macht sie so unheimlich. Das fasziniert ungemein in der Internet-Welt der Backrooms und Creepy Pastas.
Diese Faszination hat wohl auch die Russo-Brüder dazu verleitet, die Filmrechte am Buch zu ergattern und sich an die nunmehr zweite Verfilmung eines Stålenhag-Buchs zu versuchen. 2020 erschien auf Prime Video bereits die Serienverfilmung »Tales from the Loop«, welche definitiv sehenswert ist. Hier ist der Trailer:
https://youtu.be/1htuNZp82CkUnd nun sind wir bei der eigentlich unheimlichen Geschichte dieses Films: Es ist die teuerste Netflix-Produktion aller Zeiten. Rund 320 Millionen Dollar (!) hat der Film gekostet und platziert sich damit auch in die Top 10 der teuersten Filme. Aktuelle Megastars wie Millie Bobby Brown, Chris Pratt, Ke Huy Quan, Giancarlo Esposito, Stanley Tucci, Woody Harrelson und Anthony Mackie wurden in den Hauptrollen gecastet. Wahnsinnsarbeit wurde in die cinematische Gestaltung und das CGI von Stålenhags Metallwesen gesteckt und die Avengers-Blockbuster-Dirigenten Anthony und Joe Russo führten Regie. Wie konnten wir so ein Monsterprojekt übersehen - vor allem wenn man es vergleicht mit der letzten großen Netflix-Sci-Fi-Filmproduktion, dem ultramiesen Star-Wars-Abklatsch »Rebel Moon« (166 Mio. Dollar für beide Filme) von Zack Snyder, deren Promotion man vor, während und nach dem Erscheinungsdatum einfach nicht entkommen konnte?
Ich habe darauf leider keine Antwort. Vermutlich war fürs Marketing einfach nicht mehr genug Geld übrig. Die Poster waren definitiv keine Hilfe, schrecklich generisch und erinnern an den Totalausfall »Borderlands«. Trotzdem stand der Film zwischenzeitlich an der Spitze der Streamingcharts (aktuell steht er auf Platz 2) und auch ich habe ihn mir angeschaut. So viel kann ich Euch schon mal verraten: So schlecht wie die »Rebel Moon«-Filme ist er DEFINITIV nicht. Die 320 Millionen wert? Ziemlich sicher auch nicht - kommt aber ein bisschen drauf an, worauf man Wert legt …
… denn optisch ist »The Electric State« wirklich großartig! Ich liebe die Gestaltung der Roboter und der Welt, die sich sehr stark an den Designs der Vorlage orientiert. Für mich hätte es gereicht, wenn man einfach die Geschichte weggelassen hätte und stattdessen eine dystopisch-atmosphärische Doku daraus gemacht hätte. Leider reicht die Umsetzung der Geschichte nicht ansatzweise an die Bilder heran. Denn statt des atmosphärischen Horrors des Buchs wird uns eine Action-Komödie geliefert, Popcorn-Kino (ohne Kino), welches auch im aktuellen MCU seinen Platz gefunden hätte. Chris Pratts Rolle ist nervig unlustig, sein Begleiter Herman (gesprochen von Anthony Mackie) hat dafür ziemlich Charme und macht einiges wieder gut. Ich mochte die Verbindung zwischen Millie Bobby Browns Michelle und dem Roboter Cosmo – welcher aber durch die Sprachgestaltung mit Cartoon-Zitaten doch sehr an Bumblebee aus der »Transformers«-Reihe erinnert. Die Klimax des Films ist ein unübersichtliches CGI-Battle ohne jeglichen Tiefgang und die Gesellschafts- und Technologiekritik ist so „on the nose“ wie nur möglich, ohne bei irgendeiner Gesellschaftsgruppe anecken zu wollen. Das Prinzip „Messias-Kind der Roboter“ hat »The Creator« vor zwei Jahren schon deutlich besser rübergebracht.
Fazit: Für einen netten Filmabend ist »The Electric State« durchaus geeignet, man regt sich zumindest nicht ständig über die schrecklich dummen Protagonisten auf, wie das für mich bei z.B. »Rebel Moon« der Fall war. Hätte ich mir wesentlich mehr erhofft von einer Umsetzung des Buches? ABSOLUT! Doch Fans der »Transformers« und von Marvel-Filmen (wie mir) wird er trotzdem Spaß machen. Man darf nur keinen Tiefgang erwarten … und vor allem keinen Horror, denn dieser setzt sich nur in einer einzigen, viel zu kurzen Szene durch, bei der man schon im Vorhinein weiß, dass alle Charaktere sie überleben werden. Ist dies ein viel zu langes und komplexes Review für einen unwichtigen Film? Wahrscheinlich ;).
Seht hier den Trailer zu »The Electric State«:
https://youtu.be/gTfsJ9c5FW4